Zu den Anfängen des Reise- bzw. Fremdenverkehrs in der Hocheifel am Beispiel Adenaus
Christiane Hicking
Bis zur Entwicklung des in unserem heutigen Sinne geläufigen Fremdenverkehrs wurde die Region der Hocheifel ausschließlich von Fremden aufgesucht, die im Mittelalter aus religiösen Gründen in Adenau Zwischenstation einlegten und später vorwiegend wirtschaftliche oder politische Interessen verfolgten. Bis ins 19. Jahrhundert hinein, so ist zu vermuten, hat kein Bildungsreisender, z.B. Künstler auf der Suche nach romantischen Motiven, die Region besucht, von der Zielgruppe der Erholungsuchenden ganz zu schweigen.
Frühe Einrichtungen für den Reiseverkehr
Adenau lag an der Pilgerstraße Köln - Trier. Dies war wahrscheinlich der Grund, warum der Johanniterorden auf seinem neu erworbenen Besitz offenbar ein Hospital bzw. eine Herberge eingerichtet hatte.1) Ende des 15. Jahrhunderts existierte diese Funktion jedoch nicht mehr. Die Zeit der Kreuzzüge war längst vorbei, die Bedeutung der Orden allgemein hatte merklich nachgelassen. Dafür gibt es aus dieser Zeit (1494) die Erwähnung von zwei Wirten, fünf Jahre später werden sogar schon vier Schankwirte genannt.2)
Wahrscheinlich aber spieltedas Beherbergungsgewerbe damals eine nur untergeordnete Rolle. Auch der früheste Hinweis auf insgesamt jährlich vier Märkte 1553, die 1601 offiziell eingeführt wurden,3) gibt keine Anhaltspunkte für die Herkunft der Händler und damit den Bedarf an Bewirtung oder Beherbergung.
Erst im Weistum, dem sog. „Bürgerbuch des Flecken Adenau”, in dem nach 1601 die gesetzlichen Grundlagen der Gemeinde schriftlich fixiert waren, liefert uns erste, nähere Andeutungen: So war „verordnet, daß kein Nachbar auswärtige Fremde oder unbekannte Leute ... hausen, noch herbergen“ soll. „wer von den Fremden oder auch Bekannten länger bleiben will oder muß, dafür stehen die wirtzheußer“ offen. Der Aufenthalt musste angezeigt werden. Wer der Anzeigepflicht „seumlich befunden“ wurde, musste an die Gemeinde eine Strafe von „dreij marck holz“ entrichten.4) Diese Kontroll- und Sicherheitsmaßnahme seitens der Gemeinde kräftigte die Position der Wirte, die wahrscheinlich dem Gewerbe im Nebenerwerb nachgingen. Diese Erwerbsstruktur blieb bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts unverändert, waren doch die meisten Wirte im Hauptberuf Krämer.5)
Es ist die Zeit der Amerikaauswanderungen. Die äußeren Rahmenbedingungen waren denkbar schlecht: Die Infrastruktur war nach Auflösung der Klöster in der französischen Zeit völlig zusammengebrochen, das Klima war rauh, der Boden schlecht, die Straßenverbindungen, die eine Weiterentwicklung der aus feudalistischer Zeit hinüber geretteten Textilindustrie begünstigen oder fördern könnten, waren (noch) ungünstig, Naturkatastrophen trugen ihr übriges zur Misere bei. Verständlich, dass die Beamten, die seit der Einrichtung des Kreises Adenau 1816 von der preußischen Regierung nach Adenau delegiert worden waren, nicht gerade auf die neue Heimat brannten.
Erste Reiseberichte
Es sind weniger die schönen Künste noch die Reize der Natur, die den ersten, uns bekannten Bildungsreisenden im zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts in die Hocheifel führte.
Gottfried Kinkel, der Politiker, Dichter und Kunsthistoriker, beschreibt „Die Ahr. Landschaft, Geschichte und Volksleben“, um „jene nord- und ostdeutschen Vorurteile abbauen zu helfen, die in dem Rheinländer einen >charakterlosen Halbling< sahen.“6) Das 1846 in Bonn erschienene Taschenbuch ist erst in zweiter Linie „Zugleich ein Führer für Ahrreisende“, wie es im Untertitel formuliert war.
Kinkel verklärt und beschönigt nicht. Sein Führer ist kein Werbeprospekt. Rollmann hebt hervor, dass Kinkel (1815 - 1882) dem Interesse für Sage und Volksleben das politische Engagement zur Aufdeckung wirtschaftlicher Mißstände entgegenstellt und „statt romantischer Schilderungen idyllischen Bauernglücks den wirklichen Notstand des Thales und den Schmerz der Auswanderung ins Auge faßt.“7) „Die Kreisstadt Adenau zieht sich mit ihren Häusern sehr lang und sehr kotig an beiden Ufern des Adenaubachs herauf; in der Mitte hat sich an die Kirche ein stattlicher Marktplatz angelehnt, von dem sich dann eine abermalige Reihe von meist neuen Häusern talabwärts fortsetzt. Dort am Markte liegen einige Gasthöfe, unter denen der „Zum halben Mond“ der beste ist; doch befindet man sich auch in der unteren Stadt im Lokal des Tabaksfabrikanten, Herrn Gräber, recht wohl, besonders in Hinsicht des Weines, davon Herr Gräber ein Kenner ist. …Da sich in … Adenau, wie es bei solchen Städtchen immer geht, die Bildung der ganzen Umgebung zusammenfindet, so gibt es dort sogar ein Casino, und es mangelt nicht an Bällen und geselliger Lustigkeit. … (Adenau) hatte ein Franziskaner- und ein Johanniterkloster. Eins dieser Gebäude steht noch schlossähnlich vor dem unteren Ende der Stadt. Der Ort ist alt, seine Spur soll bis ins zehnte Jahrhundert zurückgeführt werden können. … (Die Kirche) ist immer eines Besuches wert, obwohl sie sehr verflickt… ist.“ Bis dahin stimmt seine Beschreibung versöhnlich, sieht man einmal von der „vernichtenden“ Einleitung ab. Aber schnell erinnert Kinkel wieder daran, dass er kritisch mit dem Gesehenen umgeht. Er setzt seine Beschreibung zur Ausstattung der Kirche fort: „Über jenem Altarwerk aber auf der Hinterwand des Chors, wie auch an der Kanzel, hat ein einheimischer Landkünstler Bilder geleistet, die alle Ursachen haben, den Tag ihrer Geburt zu verfluchen.“8)
Bezeichnenderweise werden die Beschreibungen Kinkels nicht durch Illustrationen untermauert. Erst ein weiterer Reisebericht, der 1866 von dem Lehrer und Botaniker Wirtgen aus Koblenz, zugleich einem der bedeutendsten Naturforscher der Rheinlande, veröffentlicht wird, vermittelt mit einer Lithografie einen Eindruck von der Lage der damaligen Kreisstadt und seiner Entwicklung.
„Adenau liegt mitten in einer Gegend, die eine Anzahl höchst anziehender und des Besuches werther Punkte enthält. Wer diesen Theil der Eifel näher kennen lernen will, muss sich einige Tage in Adenau aufhalten, wozu er im halben Mond bei Lehmann ein empfehlenswertes Haus findet. Die Hochacht, die Nürburg, Aremberg, Schuld sind höchst beachtenswerthe Punkte.“ Auch gibt Wirtgen Tips für Reisende, die „nicht längere Zeit als zwei Tage dazu verwenden“ können.9)
Hotel "Eifeler Hof" in Adenau, Zustand um 1900
Zwischen Kinkels und Wirtgens Beschreibung liegen rund 20 Jahre, in denen sich die Kreisstadt in einem radikalen Veränderungsprozess befand und dies städtebaulich an der Ausdehnung nach Norden auch im Bild nachvollziehbar ist: „Der untere Theil des Städtchens hat eine überaus freundliche Lage und man glaubt sich in einem schönen Seitenthale des Rheines zu befinden, während der obere Theil in seiner Lage und Umgebung ganz das einfache Landschaftsbild der Eifel darstellt. In dem unteren Theile und vorzüglich ausserhalb thalabwärts liegen die Gärten, in welchen recht gutes Obst gezogen wird; vorzüglich aber ist der Garten des Herrn Anton Lehmann zu erwähnen, welcher eine sehr gut gehaltene Baumschule der vortrefflichsten Obstarten besitzt, meist in Spalier- oder Pyramidenform, die Früchte von der grössten Güte und Schönheit tragen, wesshalb dem fleissigen und sehr gut unterrichteten Cultivateur bereits auf verschiedenen bedeutenden Obstausstellungen grosse Anerkennung zu Theil geworden ist. Auch Aprikosen reifen an Spalieren. ...“ Dass Adenau ein Casino aufweisen kann, ist für Wirtgen die logische Konsequenz aus der öffentlichen und privaten Infrastruktur mit Landratsamt, Friedensgericht, Bürgermeisterei, 2 Forstämtern, 2 Ärzten, 1 Apotheke und einer „bedeutenden Postexpedition.“10)
Neben dem Ausbau der Straßen, die sternenförmig in alle Richtungen führten, waren die Anzahl von Gaststätten, Speise- und Schankwirtschaften sowie der Fracht- und Reisefuhrwerke innerhalb von nur 3 Jahren zwischen 1858 und 1861 deutlich gestiegen.11) Selbst wenn dieser Zuwachs den gesamten Raum des Kreises Adenau umspannte, zu dem neben der Bürgermeisterei Adenau die Bürgermeistereien Aremberg, Brück, Kelberg, Kempenich und Virneburg zählten, so sind diese Zahlen dennoch bemerkenswert, weil der wirkliche wirtschaftliche Aufschwung und damit auch der Fremdenverkehr erst mit dem Bau der Eisenbahn eingeleitet wird.
Der Fremdenverkehr wird sich an die Zielgruppen wenden, die sich für kurze Zeit der Industrialisierung, der Enge der Städte und der schlechten Luft entziehen können. Ein bisschen Kultur und noch mehr Natur kann die Hocheifel der Stadt entgegensetzen. Offenbar sind die natürlichen Schönheiten früh geschätzt worden, denn Wirtgen macht erste Anzeichen eines Freizeiterlebens aus: „Auch die von den hiesigen Bürgern erfolgte Anschaffung des schönen Fernrohrs zur Aussicht von der Hochacht beweisst, dass man nicht blos materiellen Interessen nachjagt, wie das leider so häufig der Fall ist.“ Überhaupt scheint nach den Äußerungen Wirtgens dem privaten Engagement ein hoher Verdienst zu zukommen, denn er hält „es für besondere Pflicht, allen lieben Freunden, die mir den öfteren Aufenthalt im Verlaufe meiner vielen Excursionen hier so sehr freundlich machten, den wärmsten Dank dafür auszusprechen.“
Dieses private Engagement macht es aber auch so schwierig, die ersten Ansätze des Fremdenverkehrs am Einzelbeispiel greifbar zu machen.
Aufschwung des Fremdenverkehrs bis 1914
Maßgeblichen Impuls hat die Eröffnung der Eisenbahnstrecke Altenahr-Adenau 1888 gegeben.12) Aber wie hat die einheimische Bevölkerung darauf reagiert? Welche Entwicklungschancen für die Öffnung nach außen haben die Einheimischen gesehen? Wie einige andere Gastwirte auch hat der Bauherr des „Eifeler Hofes“ die Chancen sehr schnell erkannt. Sein historistischer, viergeschossiger Prachtbau in der Hauptstraße wurde als Hotel konzipiert und war bereits 1889 vollendet. Er war ursprünglich mit einer über den gesamten Grundriss ausgebildeten Dachterrasse versehen. Von hier aus konnte der Gast den Blick über das gesamte Tal ortsein- und ortsauswärts schweifen lassen. Kein einziges Gebäude war höher als der „Eifeler Hof“, auch nicht das 1892 in unmittelbarer Nachbarschaft vollendete Landratsamt (heute Post). Nur die neugotische Marienkapelle (1893-95) erhob sich mit ihrer vielschichtigen Dachlandschaft gegen einen Nordwesthang über den „Eifeler Hof“. Später, noch vor dem 1. Weltkrieg, musste die Terrasse einem Mansarddach, vermutlich zur Unterbringung des Personals, weichen.
Nicht nur der Standort des Eifeler Hofes in rund 350 m Entfernung zum Bahnhof war geschickt gewählt, auch der Name schien Programm13). So war 1888 der Eifelverein gegründet worden, der sich neben Publikationen zur „Erweiterung und Verallgemeinerung der Kenntniß der Eifel in geschichtlicher und naturwissenschaftlicher Hinsicht“ unter anderem das „Zugänglichmachen landschaftlich schöner, naturhistorisch merkwürdiger der geschichtlich bedeutsamer Punkte, auf die Herstellung von Fuß- und Verbindungswegen, von Ruhe- und Schutzplätzen, sowie von Baumpflanzungen, auf Anbringung von Wegweisern und Wegebezeichnungen, auf die Fürsorge für Führer- und Trägerwesen, sowie für die Verbesserung der Verkehrs-, Unterkunfts- und Verpflegungsverhältnisse, endlich auf die Hebung des Fremdenverkehrs durch Verbreitung von Druckschriften aller Art“ in die Statuten schrieb.14) Bereits im folgenden Jahr konstituierte sich die Ortsgruppe Adenau15), ein Zeichen für die unschätzbare Bedeutung der neuen Bahnlinie.
Die touristischen Bemühungen scheinen - auch wenn es nur Indizien dafür gibt - in Teilen zu einer grundsätzlichen Umstrukturierung des gastronomischen Gewerbes geführt zu haben. Denn das Eifelvereinsblatt von 1905 nennt lediglich 6 Gaststätten und Hotels.16) Einem daraus abzuleitenden Niedergang des Gewerbes stehen jedoch mehrere Faktoren entgegen:
Fotovergleiche lassen den Schluss zu, dass das Hotel „Zum wilden Schwein“ um 1902 erheblich umgebaut und erweitert wurde.17)
Das traditionsreiche Hotel „Zum halben Mond“ erhält einen imposanten Neubau in klassizistischer Form 1902 (1974 im Rahmen der Stadtsanierung abgerissen).18)
Für das gleiche Jahr ist eine Auflistung „besonderer Naturdenkmäler“ durch den damaligen Landrat Scherer, wahrscheinlich für den Eifelverein, dokumentiert.19)
Der Adenauer Marktplatz mit dem Neubau „Zum halben Mond“.
Im darauffolgenden Jahr wird in einem Rundschreiben der Königlichen Regierung in Koblenz u.a. beanstandet, „daß oftmals ältere Wohngebäude, meist Fachwerkhäuser, welche wegen ihrer characteristischen althertümlichen Bauart und Verzierung einen besonderen Schmuck des Ortes bildeten, neuerdings ... gar durch einen meist recht geschmacklosen Neubau ersetzt werden.20)
1908 werden folgende „Natur- und Baudenkmäler, von denen Postkarten (Fotos) hergestellt werden sollen, um für den Fremdenverkehr zu werben“ im Kreis Adenau aufgeführt: Kuppe der Hohen Acht und Denkmal, Nürburg, Virneburg, Wensburg, Burg Kempenich, Kempenich mit Burgwald, Bernhardslinde mit -kapelle bei Kempenich, Pfarrkirche und Kreuzwäld-chen in Kempenich, Hönningen und Dümpelfeld, in Ade-nau der Marktplatz, sowie die Wohnhäuser von Lorenz Schmitz und Stumpf am Markt und die Felspartie gen. „Wetzsteinchen“ im Adenauer Gemeindewald.21)
Ein halbes Jahr später werden erstmals Wegekreuze inventarisiert.22)
Um 1909 erscheint ein Bildband „der Kunst- und Naturdenkmäler des Kreises sowie der landschaftlich hervorragenden Punkte“, für die der Landrat den Ankauf durch die Schulverbände empfiehlt.23)
1912 entsteht der Neubau des sog. „Casino“ nördlich des Landratsamtes an der Hauptstraße.
Etwa zeitgleich wird mit dem Bau des „Hotel Eulenburg“ begonnen.24)
Neben den medienwirksamen Maßnahmen durch die öffentliche Hand, ist es vor allem das private Engagement, das vermuten lässt, dass sich zumindest einige Betreiber ganz der Gastronomie widmeten, ein Nebenerwerb auch bei den o. g. Investitionen betriebswirtschaftlich gar nicht mehr möglich gewesen wäre. Vermutlich sind es genau die Unternehmen, bei denen der Eifelverein seinen Qualitätsanspruch gewährleistet sah.
So rasant sich der wirtschaftliche Aufschwung auch auf den Fremdenverkehr auswirkte, so rapide wurde sein erster Niedergang eingeläutet. Am nachhaltigsten ist er am „Hotel Eulenburg“ nachvollziehbar. Mit dem Bau des heutigen Erholungsheim der Stadt Köln in der Wimbachstraße wurde 1912 begonnen. Aus finanziellen und privaten Gründen musste der imposante Komplex im Heimatstil schon im Jahr der Fertigstellung am 13. Oktober 1913 versteigert werden. Der Erste Weltkrieg machte es der neuen Besitzerin, einer Unternehmerin aus Köln, unmöglich, den Betrieb weiter zu führen. Auch im Hinblick auf die Rezession der 20er Jahre dieses Jahrhunderts war es ein Glücksfall, dass das Gebäude unter der Leitung des Cellitinnen-Ordens als Kindererholungsheim von der Stadt Köln angekauft wurde.25)
Erst mit dem Bau des Nürburgrings wurde dann eine weitere Ära des Fremdenverkehrs ab 1927 eingeläutet.
Anmerkungen: